BZ-Region Emme, 19. Juli 2003
Es tönt dramatisch: Die Baselbieter Wirte rechnen mit 30 Prozent weniger Umsatz, weil ab nächstem Jahr die Promillegrenze 0,5 gilt. Besonders schlimm könne es auf dem Land werden - dort, wo viele Gäste aufs Auto angewiesen seien. So stand es in der«NZZ am Sonntag».
Für die Emmentaler Gasthäuser lässt das nichts Gutes erahnen. «Ganz so schwarz sehe ich das nicht», sagt Konrad Gerster, Sekretär von Gastro Emmental. Klar: «Wer nicht von Umsatzeinbussen getroffen werden will, muss schon reagieren. » Genau das würden die meisten Emmentaler Wirte machen - die wenigsten beschwerten sich lauthals über die neue Promillegrenze, weiss Gerster.
Die neuen Ideen
Eine Umfrage bei den Wirten bestätigt seine Aussage. «Ich habe keine Angst, dass die Leute künftig markant weniger konsumieren», sagt etwa Peter Corpataux von der Langnauer «Sattelkammer». Die Leute würden bereits heute verantwortungsvoll fahren: «Wenn sie zu viel Alkohol getrunken haben, lassen sie ihr Auto auf dem Parkplatz stehen. »
Wichtig werde für die Wirte sein, eine breite Palette alkoholfreie oder -arme Getränke anzubieten. Oder, wie Fritz Löffel vom «Ochsen» Münsingen anfügt, zum Beispiel Flaschenweine offen auszuschenken.
Aber bei allem positiven Denken: Als seinerzeit der Grenzwert 0,8 Promille eingeführt worden sei, habe das natürlich schon Folgen gehabt. «Viele Leute liessen es sein, nach dem Essen zum Beispiel einen Kognak zum Kaffee zu bestellen», berichtet Peter Corpataux.
Gültig ist die 0,8-Promille-Grenze übrigens seit einem Bundesgerichtsurteil von 1964. Vorher war es gemäss Gesetz bloss verboten, «in angetrunkenem Zustand» zu fahren.
Das 5-Franken-Taxi
Dass bald nur noch 0,5 Promille erlaubt sind, bereitet auch Urs Weyermann vom Langnauer «Hirschen» keine existenziellen Sorgen. «Schon jetzt organisieren sich viele Gäste: Man geht zusammen essen, jemand nimmt höchstens zum Anstossen ein Glas Alkohol und fährt dann nach Hause. » Und wer in der Region Burgdorf trotzdem mal zu viel trinkt, kann sich im Taxi für 5 Franken nach Hause fahren lassen. «Drive for five» heisst die Aktion, die die Wirte vor über vier Jahren zusammen mit einem Taxiunternehmer ins Leben gerufen haben.
Wie Corpataux fügt auch Urs Weyermann ein «Aber» an: Entscheidend sei, wie die Polizei ab Anfang 2004 kontrolliert. «Die Promillegrenze zu senken und zugleich strenger zu kontrollieren - das wäre fürs Gastgewerbe negativ», so Weyermann.
Das alkoholarme Bier
Und wie sehen die Bierproduzenten dem neuen Alkoholgrenzwert entgegen? «Natürlich müssen wir uns Gedanken machen», sagt Thomas Gerber, Geschäftsführer der Burgdorfer Gasthausbrauerei AG. Man werde sich überlegen, ein Bier mit tieferem Alkoholgehalt auf den Markt zu bringen - allerdings nur, wenn es wie ein herkömmliches Bier schmecke.
Ein solches alkoholarmes Bier wäre für Ruedi Löffel, Co-Leiter der Fachstelle Suchtprävention des Blauen Kreuzes Bern, genial - «aber nur, wenn die Menge des getrunkenen Biers gleich bleibt».
«Die 0,5-Promille-Grenze ist eine gute Sache», erklärt Thomas Gerber, «denn auch ich möchte nicht, dass meine Tochter auf der Strasse von einem Angetrunkenen überfahren wird. » Und, um noch einen anderen Aspekt zu erwähnen: «Es könnte ja auch sein, dass sich viele Restaurantbesucher sagen: ‹Statt zwei Biere trinke ich nur eins - dafür ein gutes›. » Gut, das sei das Burgdorfer Bier, fügt Gerber schmunzelnd an. |