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BZ 19. Februar 2004 / Bieler Tagblatt 20. Februar 2004
Sinkt eins, sinkt alles
«Feldschlösschen 2.4», das neue Bier, hat nur halb so viel Alkohol wie das normale hier zu Lande. Der Getränkegigant warf das Gebräu im Herbst auf den Markt. Eine ökonomische Reaktion auf eine staatliche Aktion. Der Bund senkt den erlaubten Promillepegel für Strassenbenützer, also halbiert der Brauer die Alkoholprozente seiner neuen Blondine. Auf dass die Biertrinker die Malzumsätze nicht ins Bodenlose drücken.
Das Promillebeil wird erst im Januar 2005 fallen. Schon fanden Feldschlösschens Aussendienstmitarbeiter Verbündete in den Regionen im Kampf um den Markt mit den neuen Bier. Zum Beispiel Gody Schranz, der Wirt des Restaurant «Löwen» in Kernenried. Er gehört zu den ersten Wirten, die «Feldschlösschen 2.4» schon jetzt vom Fass zapfen. Eine der beiden Säulen auf seiner Theke stellte er letzte Woche um, von 4,8 auf 2,4. Andernorts verkauft man das «2.4» erst in der Flasche, vielerorts noch gar nicht. (...)
Wieviel Bier?
ma. Ein Mann mit einem Gewicht von 80 Kilo erreicht nach drei Stangen Normalbier bereits einen Blutalkoholwert von 0,65 Promille. Eine Frau selben Gewichts hat nach derselben Menge Bier gar schon einen Blutalkoholwert von 0,76. Der Bund senkt die Promillegrenze auf 1. Januar 2005 von 0,8 auf 0,5.
Quelle: Fachstelle für Suchtprävention des Blauen Kreuzes.
Andere Brauer habens auch
Was Feldschlösschen seit Herbst hat, haben andere Brauer schon länger - Bier mit tiefem Alkoholgehalt. Erich Goetschi
Leichtbier mit höchstens drei Prozent Alkoholgehalt: Was neu tönt, ist es nicht. So führt die Berner Brauerei Felsenau seit rund drei Jahren ein Leichtbier mit einem Alkoholgehalt von 2,9 Prozent im Sortiment. «Schümli» nennt sich das Biobier aus Roggen und Hafer, das eigens in Aussicht auf die bevorstehende Senkung des Promillewerts im Strassenverkehr lanciert wurde. (...)
Auch Solothurner Brauer machten sich schon Gedanken über die Einführung von Schwachbier. So auch Alex Künzle von der Öufi-Brauerei. Er hat die Idee vorläufig wieder verworfen, will sie später aber nochmals aufgreifen Seiner Meinung nach haben alle Brauer lediglich unter der Drohung der neuen Promillegrenze gehandelt. Das Grundproblem hätten sie aber nicht gelöst: Alkohol sei schliesslich der Geschmacksträger des Biers.
Dem widerspricht Feldschlösschen. Obwohl die Promillegrenze erst ab 2005 gelte, habe die Umstellung in den Köpfen vieler Konsumenten schon stattgefunden, sagt Stefan Kaspar Pressesprecher von Feldschlösschen.
Man sei überzeugt, dass «2.4» einem Bedürfnis entspreche. Mittelfristig will die Firma mehr «2.4» verkaufen als alkoholfreies Bier. Ein ehrgeiziges Ziel. Denn Feldschlösschen hat mehrere alkoholfreie Biersorten. Insgesamt haben diese heute einen Anteil von 3,5 Prozent vom gesamten Bierumsatz.
Birgt es neue Gefahren?
Leichtbiere als Lösung für sinkende Promillegrenzen anzupreisen ist der falsche Ansatz, sagt Ruedi Löffel.
Interview: Erich Goetschi
Herr Löffel, braucht die Schweiz Leichtbiere?
Ruedi Löffel: Das wird der Markt beantworten. Die Frage ist: Trinkt nun einer nach Feierabend ein solches Bier und lässt es dabei bewenden, oder trinkt er einfach die doppelte Menge?
Und, was denken Sie?
Bleibt es bei Ersterem, bergen Leichtbiere durchaus eine Chance, da letztendlich weniger Alkohol konsumiert und so Risiken minimiert werden, beispielsweise im Strassenverkehr. Doch jenem, der nach dem fünften Bier noch immer weiterbechert, weil er nichts spürt, ist wenig gedient.
Dafür liegt das Feierabendbier weiterhin drin, wenn die Promillegrenze sinkt.
Wirbt die Bierindustrie mit Leichtbieren als Lösung für die sinkende Promillegrenze im Strassenverkehr, zeigt das doch, dass ein Teil der Gesellschaft ein Problem mit dem Verantwortungsbewusstsein hat. Wer fährt, trinkt nicht, und umgekehrt. Das sollte wieder selbstverständlich werden. Das Verkaufsargument Promillegrenze ist für mich so fragwürdig. Ein Leichtbier kann zudem Risiken bergen.
Welche denn?
Jugendlichen kann dadurch der Einstieg erleichtert wer- den. Da sagt sich einer: «He, ist doch nur halb so viel drin, lass uns mal probieren.» Genau da liegt der Knackpunkt: Gewöhnung an Geschmack und Wirkung werden dadurch gefördert und Problemen Tür und Tor geöffnet.
Aber dass sich der Markt verändernden Rahmenbedingungen anpasst, ist doch logisch.
Aber eingleisiges Denken. Statt über die Promillegrenze zu jammern und Leichtbiere zu führen, sollten Gastrobetriebe ihr Sortiment attraktivieren. Beispielsweise mit alkoholfreien Drinks. Möglichkeiten gäbe es genug.
Ruedi Löffel ist Co-Leiter der Fachstelle für Suchtprävention des Blauen Kreuzes. |